Otto Brenner Kompakt

Zukunft für Ostdeutschland

Zukunft für Ostdeutschland

Themen: Wirtschaftsjournalismus / -krise / -politik / Finanzmarktpolitik / Massenmedien / Demokratie

Autor/en:

Storz, Wolfgang / Arlt, Hans-Jürgen

Projektende:

18.02.2010
Projekt im Shop beziehen: Themen: Wirtschaftsjournalismus / -krise / -politik / Finanzmarktpolitik / Massenmedien / Demokratie
Wirtschaftsjournalismus in der Krise – Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik
Veröffentlichung: OBS-Arbeitsheft 63
Eine Studie der Otto Brenner Stiftung, Frankfurt/Main, März 2010, 274 Seiten
Vor dem Hintergrund der aktuellen Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise werden durch diese Studie Leistungen und Fehlleistungen des Wirtschaftsjournalismus auf den Prüfstand kritischer Recherche gestellt werden. Die in der Studie zu überprüfende Ausgangsthese lautet: „Der Mainstream des Wirtschaftsjournalismus hat die Deregulierung des globalen Finanzmarktes zustimmend beschrieben und positiv kommentiert; die Analyse von potentiellen Gefahren wurde systematisch vernachlässigt.“
Projektnummer: 213-2009
Projektende: 18.02.2010
Projektleitung:
Dr. Wolfgang Storz
Redakteur, Publizist, Lehrbeauftragter an den Universitäten Kassel und Frankfurt/Main, Medien- und Kommunikationsberater
Isenburgring 3, 63069 Offenbach
E-Mail: stobad(at)aol.com
Dr. Hans-Jürgen Arlt
Publizist und Kommunikationsberater in Berlin, Lehraufträge am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, sowie am Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation der Universität der Künste Berlin
Perelsplatz 14, 12159 Berlin
E-Mail: h-j.arlt(at)gmx.de
Internet: www.kommunikation-und-arbeit.de.
Kontakt:
Dr. Burkard Ruppert
Otto Brenner Stiftung, Referat Wissenschaft und Forschung
Wilhelm-Leuschner-Straße 79, 60329 Frankfurt am Main
E-Mail: burkard.ruppert(at)igmetall.de

Projektbeschreibung:

1. Kontext / Problemlage
  • Es handelt sich mit der schwerwiegendsten Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise der letzten 60 Jahre um ein gesellschaftliches Ereignis höchsten Ranges.
  • Finanzmärkte stellen mit Geld und Krediten Gesellschaft und Wirtschaft ein quasiöffentliches Gut zur Verfügung. Damit hat die Finanzmarktbranche eine herausragende Bedeutung und muss deshalb per se unter besonders aufmerksamer Beobachtung des journalistischen Systems stehen.
  • Es gab von Beginn der Krise an eine Debatte über die Rolle der Massenmedien und der Qualität ihrer Arbeit. Die Studie soll diese Debatte befördern.
  • Diese Krise und die Auseinandersetzung über sie ist von grundlegender Bedeutung, da sich in ihr wie in einem Brennglas grundlegende gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte widerspiegeln bis hin zur Frage nach der Zukunft der Risikogesellschaft.
Es sollten zwei Arten von Massenmedien untersucht werden: Die herausragenden überregionalen
Tageszeitungen
Tageszeitungen

, für welche die Themen Wirtschaft und Finanzen eine wichtige Rolle spielen und die eine qualitativ hoch stehende Arbeit leisten können. Sowie herausragende Medien, die vergleichbar gut ausgestattet sind und die direkt oder indirekt ein Millionen-Publikum informieren. Deshalb wurden die ARD-Formate „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ sowie die „Deutsche Presseagentur“ ausgewählt.
2. Fragestellung
  • Hat der Wirtschafts- und Finanzjournalismus über die hier interessierenden Themenbereiche umfassend informiert?
  • Lieferte er Orientierung?
  • Wurde er seiner Funktion als Frühwarnsystem gerecht?
3. Untersuchungsmethoden
Methodisch erfolgt ein Zugang im Dreischritt: Analyse wissenschaftlicher Literatur, empirische Erhebung und vertiefende Expertenbefragung. Die empirische Untersuchung ausgewählter Medien überzeugt durch die präzise Justierung der für diese Untersuchung relevanten Themen und Ereignisse in bearbeitbare Zeitschnitte. Als kritische Medienanalyse platziert sich die Untersuchung an der Schnittstelle zwischen Linguistik und Ideologiekritik.
Die Autoren haben in dem Zeitraum von Frühjahr 1999 bis Herbst 2009 insgesamt 16 bedeutende Ereignisse ausgesucht und untersucht. Es wurde anhand dieser 16 Ereignisse die Berichterstattung der überregionalen
Tageszeitungen
Tageszeitungen

„Handelsblatt“ (HB), „die tageszeitung“ (TAZ), „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und „Financial Times Deutschland“ (FTD) – insgesamt 822 Artikel – ebenso untersucht wie die Berichterstattung von „Tagesschau“ (TS) und „Tagesthemen“ (TT) mit 141 Beiträgen und der Basisdienst der „Deutschen Presseagentur“ (DPA) mit 212 Meldungen. Es wurden zu weiteren fünf bedeutenden Ereignissen Fallstudien angefertigt. Mit sieben leitenden Redakteuren und drei Wissenschaftlern wurden Intensiv-Interviews geführt. In einem Literaturbericht werden alle wesentlichen Erkenntnisse über die Arbeitsbedingungen des Wirtschafts- und Finanzjournalismus und über die Themenbereiche Finanzmärkte, Finanzmarktkrise und Finanzjournalismus aufgearbeitet.
4. Darstellung der Ergebnisse
Die tagesaktuellen Massenmedien haben über Jahre hinweg das Thema Finanzmärkte und Finanzmarktpolitik und das umfangreiche kompetente und prominente kritische Wissen darüber ignoriert. Obwohl ihnen bewusst war, dass die Krise spätestens mit den EZB-Interventionen im August 2007 gegeben war, berichteten sie zwar darüber, verblieben jedoch weitgehend in ihren Routinen. Sie wurden damit ihrer Rolle als Frühwarnsystem der Gesellschaft nicht gerecht. Erst mit dem “offiziellen”, faktisch von Politik und Wirtschaftseliten ausgerufenen Beginn der Krise im September 2008 setzte auch in den Massenmedien eine der Situation angemessenere Berichterstattung ein.
Der Wirtschafts- und in diesem Fall Finanz- und Finanzmarktjournalismus hat sich meist intensiv um die Perspektive der Anbieter und Anleger/Nachfrager gekümmert. Die kritische Darstellung der neuen Finanzbranche, ihr Wandel von einem Dienstleister zu einer Art Finanzindustrie, sowie die Folgen daraus für das Gemeinwohl, also die Perspektiven von Volkswirtschaft und Gesellschaft waren kein Thema.
Es gab nicht nur kompetentes, prominentes und gut zugängliches kritisches Wissen – wie der Literaturbericht in der Studie ausführlich belegt –, es gab zudem in dem Zeitraum von 1999 bis Mitte 2007 mehrere von den Autoren untersuchte bedeutende Ereignisse, die Anlass für eine entsprechende Berichterstattung gewesen wären. Auch diese wurden nicht genutzt, sondern ebenso wie das kritische Wissen ignoriert. Von Mitte des Jahres 2007 an hätten die Massenmedien ihrer Rolle als Frühwarnsystem gerecht werden können und müssen. Sie haben in dieser Frage versagt.
Vor allem SZ, FAZ und HB halten zu lange an einem Deutungsrahmen fest – der Markt reguliert via Preis das Wirtschaftsgeschehen effizient, der Staat soll sich heraushalten –, der den Ereignissen nicht mehr gerecht wurde. Deshalb war sogar ihre zunehmend qualitätsvollere Berichterstattung in der Krise mit einem Orientierungschaos verbunden. Der Wirtschaftsjournalismus verliert seinem Publikum gegenüber kein Wort über seine Defizite der Vergangenheit. 
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