Die deutsche Einheit zwischen Lust und Frust –
Ergebnisse der »Sächsischen Längsschnittstudie«
Veröffentlichung: OBS-Arbeitsheft 60
Zusammenfassung für die Otto Brenner Stiftung, Frankfurt/Main, 2009
Projektziel:
Die Sächsische Längsschnittstudie begleitet seit 1987 kontinuierlich eine Stichprobe junger Ostdeutscher des Geburtsjahrgangs 1973 auf ihrem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Die weiterhin laufende Studie zählt zu den weltweit am längsten andauernden sozialwissenschaftlichen Erhebungen. Es handelt sich um die einzige Studie, die in dieser Weise das Erleben der deutschen Wiedervereinigung bei einer identischen Stichprobe von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen aus der DDR bzw. den neuen Ländern dokumentiert. Sie ist damit ein zeithistorisch besonderes Zeugnis, das den Systemwechsel in der DDR und die sich daraus ergebenden individuellen Konsequenzen auf einer quantitativen Ebene abbildet.
Projektnummer: 103-2008
Projektende: 15.01.2009
Projektleitung:
Prof. Dr. Elmar Brähler
Universität Leipzig
Selbständige Abteilung für Medizinische, Psychologie und Medizinische Soziologie
Philipp-Rosenthal-Str. 55, 04103 Leipzig
E-Mail:
elmar.braehler(at)medizin.uni-leipzig.de
Bearbeiter/in:
PD Dr. Yve Stöbel-Richter
Universität Leipzig
Selbständige Abteilung für Medizinische, Psychologie und Medizinische Soziologie
Philipp-Rosenthal-Str. 55, 04103 Leipzig
E-Mail:
yve.stoebel-richter(at)medizin.uni-leipzig.de
Prof. Dr. Peter Förster
Forschungsstelle Sozialanalysen
Schweizerbogen 11, 04289 Leipzig
E-Mail: prof.foerster(at)gmx.de
Dr. habil. Hendrik Berth
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Technische Universität Dresden
Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie
Fetscherstr. 74, 01307 Dresden
E-Mail:
berth(at)wiedervereinigung.de
Kontakt:
Dr. Burkard Ruppert
Otto Brenner Stiftung, Referat Wissenschaft und Forschung
Wilhelm-Leuschner-Straße 79, 60329 Frankfurt am Main
E-Mail:
burkard.ruppert(at)igmetall.de
Projektbeschreibung:
1. Kontext / Problemlage
Die Sächsische Längsschnittstudie begleitet seit 1987 kontinuierlich eine Stichprobe junger Ostdeutscher des Geburtsjahrgangs 1973 auf ihrem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Die weiterhin laufende Studie zählt zu den weltweit am längsten andauernden sozialwissenschaftlichen Erhebungen. Es handelt sich um die einzige Studie, die in dieser Weise das Erleben der deutschen Wiedervereinigung bei einer identischen Stichprobe von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen aus der DDR bzw. den neuen Ländern dokumentiert. Sie ist damit ein zeithistorisch besonderes Zeugnis, das den Systemwechsel in der DDR und die sich daraus ergebenden individuellen Konsequenzen auf einer quantitativen Ebene abbildet.
2. Fragestellung
- Wie stark ist bei der Untersuchungsgruppe heute die Identifikation mit der Bundesrepublik?
- Welche Faktoren fördern bzw. hemmen eine Identifikation?
3. Untersuchungsmethoden
Es handelt sich um eine in ihrer Anlage ungewöhnliche, weil systemübergreifende sozialwissenschaftliche Längsschnittstudie (Panel). Sie wurde bereits 1987 begonnen und begleitet seitdem über die Wende hinweg den politischen Mentalitätswandel bei einer identischen Population junger Ostdeutscher der Alterskohorte der 1973 Geborenen. Die 21. Welle der Untersuchung fand im Zeitraum Mai bis Oktober 2007 statt. 383 TeilnehmerInnen schickten ihren Fragebogen ausgefüllt zurück, das sind 65 % derer, die sich 1989 zur weiteren Mitarbeit bereit erklärt hatten (N = 587), eine statistisch betrachtet hinreichend hohe Quote. Die Anzahl der Befragten lag in den Jahren 1990 bis 1994 zwischen 170 und 276, ab 1995 zwischen rund 350 und 400.
Die Ergebnisse können mit einer geringen statistischen Fehlertoleranz für junge Ostdeutsche der Alterskohorte der 1973 Geborenen verallgemeinert werden, unabhängig davon, ob sie im Osten oder Westen leben. Das gilt insbesondere im Hinblick auf die ermittelten Zusammenhänge und Trends. Sie widerspiegeln sozusagen im Kleinen wichtige Aspekte des Prozesses der deutschen Einheit, seiner Licht- wie Schattenseiten für die Menschen. Repräsentativität für alle ostdeutschen Alterskohorten hingegen wird ausdrücklich nicht beansprucht.
4. Darstellung der Ergebnisse
Die Daten zeigen, dass die Suche der (immer noch rund 400) Panelmitglieder nach einer neuen staatsbürgerlichen Identität keineswegs abgeschlossen ist. Sie fühlen sich – formal betrachtet – zwar mehrheitlich schon als Bürger der Bundesrepublik, kommen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zurecht und wissen deren Möglichkeiten und Chancen zu schätzen. Die politischen Verhältnisse in der DDR wünscht sich kaum ein Studienteilnehmer zurück. Andererseits wächst jedoch seit Jahren die Unzufriedenheit mit dem heutigen Gesellschaftssystem, insbesondere im Hinblick auf verschiedene Aspekte der Sozial-, Familien- und Gesundheitspolitik. Die Erfahrung mit Arbeitslosigkeit und die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust tragen besonders zur skeptischen Haltung bei.
Die Ergebnisse belegen eine kritische Haltung gegenüber vielen Aspekten des bundesrepublikanischen Gesellschaftssystems: die grundsätzliche Bejahung der deutschen Einheit ist nicht identisch mit der Zustimmung zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem. Fast zwei Jahrzehnte nach Vollendung der deutschen Einheit ist sogar die Tendenz feststellbar, dass die Zustimmung schwindet und die Distanz – auch zum politischen System – wächst.
Die Ergebnisse repräsentieren nur einen Teil der Auswertungen, weitere Auswertungen finden sich unter:
http://www.wiedervereinigung.de/sls