Funktionswandel von Leiharbeit – Neue Nutzungsstrategien und ihre arbeits- und mitbestimmungspolitischen Folgen
Veröffentlichung: OBS-Arbeitsheft 61
Eine Studie der Otto Brenner Stiftung, Frankfurt/Main, August 2009, 63 Seiten
Projektziel:
Vor dem Hintergrund des zunehmenden Einsatzes von Leiharbeit geht es dem Projekt um die Aufdeckung eines unterstellten „Funktionswandels“ von Leiharbeit in Deutschland. Mit Funktionswandel ist gemeint, dass nunmehr auch in Deutschland stilbildende Unternehmen dazu übergegangen sind, Leiharbeit in ehemals geschützten Kernbereichen einzusetzen.
Projektnummer: 100-2007, 200-2007
Projektende: 31.07.2009
Projektleitung:
Prof. Dr. Klaus Dörre
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Soziologie
Carl-Zeiß-Str. 2, 07743 Jena
E-Mail:
klaus.doerre(at)uni-jena.de
Bearbeiter/in:
Hajo Holst
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Soziologie
Carl-Zeiß-Str. 2, 07743 Jena
E-Mail:
hajo.holst(at)uni-jena.de
Dr. Oliver Nachtwey
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Soziologie
Carl-Zeiß-Str. 2, 07743 Jena
E-Mail:
oliver.nachtwey(at)uni-jena.de
Kontakt:
Dr. Burkard Ruppert
Otto Brenner Stiftung, Referat Wissenschaft und Forschung
Wilhelm-Leuschner-Straße 79, 60329 Frankfurt am Main
E-Mail:
burkard.ruppert(at)igmetall.de
Projektbeschreibung:
1. Kontext / Problemlage
Die „Prekarisierung“ der Arbeit und die damit verbundenen betriebs-, tarif-, sozial- und gesellschaftspolitischen Folgen lassen sich besonders gut am Beispiel „Leiharbeit“ verdeutlichen. Im Aufschwung bis zum Sommer 2008 ist es nicht nur zu einem starken Anwachsen der Leiharbeit gekommen. Die quantitativ neue Dimension hat auch eine qualitativ veränderte Seite.
Leiharbeit spielte in Deutschland lange Zeit kaum eine große Rolle. Sie wurde dann genutzt, um Auftragsspitzen aufzufangen oder kurzfristige Ausfälle auszugleichen. Kennzeichen dieser Nutzungsarten war der temporäre und punktuelle Einsatz bei meist minimaler Intensität. Unternehmen, die Leiharbeiter als „Ad-hoc-Ersatz“ oder als „Flexibilitätspuffer“ nutzen, verfolgen das Ziel, ihre Lohnkosten zu reduzieren, indem sie beispielsweise die Kosten für den Personalersatz minimieren oder beim Anstieg des Auftragsvolumens Festanstellungen umgehen. Diese Nutzungsstrategien spielen auch weiterhin eine Rolle. Aber inzwischen läßt sich darüber hinaus ein Form- und Funktionswandel der Leiharbeit beobachten.
2. Fragestellung
- Wie wirkt sich ein auf Dauer gestellter und auf alle Arbeitsbereiche ausgedehnter Leiharbeitseinsatz sowohl auf die Leiharbeiter als auch auf die fest angestellten Beschäftigten aus?
- Was sind die Folgen der neuen Nutzungsform für die betrieblichen Arbeitsbeziehungen und die Interessenpolitik von Betriebsräten und Gewerkschaften? Verändern sich die Beziehungen zwischen den Beschäftigtengruppen? Und daran anschließend: Welche Handlungsoptionen haben die betrieblichen und überbetrieblichen Interessenvertreter, um die Auswirkungen des veränderten Leiharbeitseinsatzes zu gestalten?
- Von der Prekarisierungsforschung sind bislang die destruierenden Wirkungen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse ins Zentrum der Analyse gerückt worden Aber geht Prekarisierung unvermeidlich mit schwindenden Fähigkeiten zu kollektivem Interessenhandeln einher?
- Wie verhalten sich Leiharbeitskräfte, wenn sie längerfristig mit (gewerkschaftlich organisierten) Stammbeschäftigten zusammenarbeiten und wenn ihre Interessen von Interessenvertretern offensiv thematisiert werden?
3. Untersuchungsmethoden
Den Kern der Untersuchung bilden sechs Intensivbetriebsfallstudien aus der Metall- und Elektroindustrie. Die Fallauswahl ist Ergebnis eines mehrstufigen offenen Verfahrens mit dem Ergebnis von weiteren sechs Kurzbetriebsfallstudien die als Hintergrundinformation und Kontrastfolie für die Entwicklung der Typologie dienten. Insgesamt wurden 78 Interviews mit betrieblichen Vertretern (Stammkräften, Leiharbeitern, direkten Vorgesetzen, Betriebsräten und Personalleitungen) und fünf Experteninterviews mit gewerkschaftlichen Vertretern geführt.
4. Darstellung der Ergebnisse
Es wird von immer mehr Unternehmen versucht, Leiharbeit verstärkt als strategisches Instrument der Profitsteigerung zu nutzen, das dauerhaft eingesetzt wird, alle Arbeitsbereiche umfaßt und zu einer Verflechtung von Stamm- und Leiharbeitskräften führt. Für „gleiche Arbeit“ wird ein „ungleicher Lohn“ gezahlt, Belegschaften erster und zweiter Klasse entstehen, Tarifverträge werden unterlaufen, Mitbestimmung reduziert, „billigere“ Leiharbeiter verunsichern und „disziplinieren“ als Druck- und Drohpotential Stammarbeitskräfte und Kernbelegschaften.
In der Studie „Funktionswandel von Leiharbeit“ wurden nicht nur anhand eindringlicher Fallbeispiele diesen neuen Nutzungsstrategien nachgespürt, sondern auch der Blick darauf gelenkt, welche arbeits- und mitbestimmungspolitischen Folgen mit diesem Funktionswandel verbunden sind. Die Studie zeigt aber auch, dass es betriebspolitisch viel versprechende Ansätze und auch organisationspolitisch erfolgreiche Strategien gibt, das Auswuchern der Leiharbeit einzudämmen und mit den betroffenen Arbeitskräften gemeinsam zu erträglicheren Bedingungen zu kommen. Schließlich verdeutlicht die Untersuchung, dass das enorme Anwachsen der Leiharbeit direkte Folge von gesetzlichen Rahmenbedingungen ist, die politisch wieder verändert werden können.